Museum Otto Schäfer, Judithstr. 16, 97422 Schweinfurt |
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| »Das
Völkereintrachtshaus« – Friedrich Rückert und der literarische Europadiskurs im 19. Jahrhundert Tagung der Rückert-Gesellschaft in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt der Stadt Schweinfurt. Das Symposion wird gefördert durch die Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten aus Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und der Medien. Die Rückert-Gesellschaft e.V. wird gefördert durch die Stadt Schweinfurt. Konzept: York-Gothart Mix (Marburg) Im kulturellen Gedächtnis wird Friedrich Rückerts literarischer Ruhm vor allem mit den 1814 unter dem Pseudonym Freimund Reimar publizierten antinapoleonischen Deutschen Gedichten assoziiert, in denen, ganz den Zeichen der Zeit folgend, enragiert zum Kampf gegen die französische Fremdherrschaft aufgerufen wird. Ähnlich wie in Theodor Körners patriotischer Sammlung Leier und Schwert oder Heinrich von Kleists Katechismus der Deutschen dominiert bei Rückert die Trauer über das Ende des Alten Reiches, die Politik der Rheinbundstaaten und die Empörung über den Korsenkaiser. Auch in den zu Lebzeiten 1815 und 1818 erschienenen Bänden Napoleon und der Drache und Napoleon und seine Fortuna, einer ursprünglich als Trilogie angelegten dichterischen Zeitdiagnose Rückerts, scheint der antifranzösische Tenor bestimmend. Bei genauerer Lektüre zeigt sich jedoch, daß das, was eindeutig zu sein scheint, keineswegs so eindeutig ist, sondern eher eine unreflektierte Fortschreibung einer stereotypen Rezeption: Rückert geht es keineswegs um eine Tradierung antifranzösischer Reflexe; vielmehr ist das Scheitern der Französischen Revolution und ihrer Freiheitsideale sein zentrales Thema. Wie wenig sich Rückert als Kronzeuge eines hurrapatriotischen Militarismus eignet, belegen seine Jahrzehnte später zu Papier gebrachten Zeitgedichte. In den Texten Deutschlands Anerkennung und Das Völkereintrachtshaus wird die Vision eines föderativen europäischen Bundes beschworen, der seine Konflikte ohne kriegerische Gewalt im friedlichen Miteinander regelt. In Rückerts Poem Deutschlands Anerkennung heißt es: Europas Völker werden wie vor Zeiten Nicht mehr mit Waffen streiten, Von Leidenschaften blind Wetteifern werden sie mit edlerm Eifer, Der Völker welches reifer An Geist sei Gottes Kind. Schon der Titel des programmatischen, 1833 geschriebenen Gedichts Das Völkereintrachtshaus signalisiert ähnliche Intentionen und verdeutlicht, daß Rückert mit der Metapher vom europäischen Haus gezielt an eine Tradition anknüpft, die mit den Namen Jean-Jacques Rousseau, Immanuel Kant, Friedrich von Hardenberg oder Johann Gottlieb Fichte verbunden ist. Im Rekurs auf Rousseau imaginiert Rückert einen abgrenzbaren, einheitlichen, historisch gewachsenen und eng verflochtenen europäischen Kulturraum, dessen Basis die christliche Ethik und das römische Recht bilden. So wie Kant in seinem wegweisenden Entwurf Zum ewigen Frieden (1795) beschwört er eine zukunftsweisende, auf Interessenausgleich und Gleichberechtigung basierende Staatenunion. Geht man mit Christoph Hein davon aus, daß die Wirkungen von Literatur tatsächlich oft »nur bedingt auf das Buch«, aber »unbedingt auf den Leser schließen« lassen, so scheint eine kritische Auseinandersetzung mit den Stereotypen der Rückert-Rezeption überfällig. Die Tagung soll die Verbindungen zwischen der Konstruktion von Nationenbegriffen und dem literarischen Europadiskurs im 19. Jahrhundert präzisieren und ausgehend vom Werk Rückerts sowie anderer relevanter Autoren auf Entwicklungen verweisen, die ungeachtet ihrer Komplexität und Widersprüchlichkeit auf die Gegenwart deuten. Dazu zählen neben ideen- und literaturgeschichtlichen Fragestellungen die Emergenz variabler Stereotype, Klischees und Vorurteile sowie das Problem einer spezifischen europäischen Tradition und Kultur.
Donnerstag, 7. Oktober 2010 Anreise 20.00 Geselliger Abend im Hotel Roß Freitag, 8. Oktober 2010 9.00 Begrüßung durch Sebastian H. Remelé, Oberbürgermeister der Stadt Schweinfurt Europa und der Orient. Diskussionsleitung: Renate Stauf (Braunschweig) 9.30 Hartmut Bobzin (Erlangen): Europa und der Orient. Selbst- und Fremdwahrnehmung im Werk Friedrich Rückerts 10.15 Andrea Polaschegg (Berlin): Rückerts Rezeption biblischer Stoffe und die europäischen Orientbilder 11.00 - 11.15 Kaffeepause Europa als Friedens- und Freiheitsvision. Diskussionsleitung: Claude Conter (Mersch/Luxembourg) 11.15 York-Gothart Mix (Marburg): Völkerbunds- und Friedensvisionen in der Literatur zwischen 1789 und 1848 (Novalis, Kleist, Rückert u. a.) 12.00 Carolina Kapraun (Marburg): Europa und die Freiheit. Die deutsche Polendichtung 12.45 - 14.30 Mittagspause Alterität und europäische Identität I. Diskussionsleitung: Hartmut Bobzin (Erlangen) 14.30 Ruth Florack (Göttingen): Europa und die Andern: Stereotype in Kotzebues Dramen 15.15 Nina Birkner (Jena): Nationale Stereotype in den Konversationslexika des 19. Jahrhunderts 16.00 - 16.15 Kaffeepause Alterität und europäische Identität II. Diskussionsleitung: Ruth Florack (Göttingen) 16.30 Renate Stauf (Braunschweig): Zwischen Kritik und Verheißung. Heinrich Heines Bild von Europa 17.15 Gonthier-Louis Fink (Strasbourg): Europäische Identitäten in den Gesprächen J. W. Goethes mit J. P. Eckermann 18.00 - 20.00 Pause Abendvortrag 20.00 Ludwig Spaenle (Bayerischer Staatsminister für Unterricht und Kultus): Der Philhellenismus in Bayern Samstag, 9. Oktober 2010 Nationalismus, Kosmopolitismus und schriftstellerisches Selbstverständnis. Diskussionsleitung: Gonthier-Louis Fink (Strasbourg) 9.30 Jochen Strobel (Marburg/Magdeburg): Nationalität und Internationalität des Wissenschaftlers Friedrich Rückert 10.15 Claude Conter (Mersch/Luxembourg): Europa inszenieren - Schriftsteller und die Politik nach dem Wiener Kongress. Von der literarischen Avantgarde zur Modeliteratur (Fr. Rückert u. a.) 10.45 - 11.00 Kaffeepause 11.00 - 11.30 Resümee (Diskussionsleitung: Rudolf Kreutner und York-Gothart Mix) 11.30 Rudolf Kreutner (Schweinfurt) und Claudia Wiener (München): » Voll Lust und Schmerz « – Die historisch-kritische »Schweinfurter Edition« der Werke Friedrich Rückerts |
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